Im Bunker: Anleitung zur Selbstzerstörung von Franz Kafka – Der Bau
Ein Tier baut sich ein Loch. Dann noch eins. Dann noch eins. Am Ende hat es eine Festung mit Vorratskammern, Fluchttunneln und einem Burgplatz im Zentrum, der so gut gesichert ist, dass selbst das Tier sich darin nicht mehr ganz traut, ein- und auszugehen. Klingt nach Prepper-Keller. Ist aber über 100 Jahre alt und kommt von einem Typen, der hauptberuflich Versicherungsfälle bearbeitet hat. Franz Kafka, “Der Bau”, geschrieben 1923, nie fertig geworden, denn Kafka starb noch vor der Vollendung seiner letzten Novelle.
Wir haben den Text auf die Bühne gebracht, weil wir ihn für eine der präzisesten Beschreibungen eines Zustands halten, den im Moment ungefähr jeder kennt. Nicht Corona. Nicht Verschwörung. Sondern die Frage, die wirklich interessant ist und die Kafka schon hatte, bevor jemand das Wort Lockdown kannte:
Warum macht uns mehr Sicherheit manchmal unsicherer?
Die Festung, die nie fertig wird
Der allererste Satz des Textes ist eine Kampfansage, die sich selbst sofort widerlegt. “Ich habe den Bau eingerichtet und er scheint wohlgelungen.” Eingerichtet. Fertig. Abgehakt. Doch kaum ein paar Zeilen weiter folgt das Geständnis, das den ganzen Text trägt: Selbst die ausgeklügeltste Tarnung kann zur eigenen Falle werden, denn jede List, die zu fein gesponnen ist, bringt sich am Ende selbst um. Genau das schreiben wir damals schon auf unsere Stückseite.
Das Tier ist nicht dumm. Es hat sich was Anständiges gebaut, einen unterirdischen Bunker mit Lagerräumen, einem Labyrinth aus Gängen und einem Burgplatz, der das Herz der ganzen Anlage darstellt. Sogar der Eingang, tausend Schritte vom Eingangstunnel entfernt und unter einer Moosschicht versteckt, sei so gesichert, wie eben überhaupt auf der Welt etwas gesichert werden kann. Klingt souverän. Ist es nicht. Schon im nächsten Satz erfährt man, dass irgendwer nur auf das Moos treten müsste, und der ganze Bau läge offen da.
Und genau hier liegt der Trick, den der Text die ganze Zeit über fährt. Das Tier weiß um die Schwachstelle und kann sie trotzdem nicht beseitigen, weil ausgerechnet die Vorsicht einen Fluchtweg verlangt, der gleichzeitig ein Einfallstor ist. Mehr Sicherheit erzeugt hier nicht weniger Risiko, sondern eine neue, eigene Sorte Risiko. Kafka selbst bringt es auf den Punkt: “gerade die Vorsicht verlangt, wie leider so oft, das Risiko des Lebens.”
Dann kommt das Geräusch
Lange Zeit läuft es richtig gut für das Tier. Es liegt in seinen Gängen, lauscht der Stille und sinkt zurück in einen Schlaf, den Kafka als “süßen Schlaf des Friedens, des beruhigten Verlangens, des erreichten Zieles des Hausbesitzes” beschreibt. Mission erfüllt, könnte man meinen.
Dann hört es ein Geräusch. Ein Zischen, gleichmäßig, leise, von überall und nirgends gleichzeitig. Keine Richtung. Keine Quelle. Keine Identität. Nur: da ist was.
Ab diesem Moment ist alles andere egal. Das Tier beginnt zu graben, zu horchen, zu rechnen, immer wieder, ohne Ergebnis. Irgendwann bemerkt es selbst, wie absurd die eigene Besessenheit geworden ist, beschreibt das eigene Verhalten als etwas, das man, ohne vorläufig geradezu etwas dagegen zu unternehmen, eine Zeitlang beobachten könnte, statt ständig die Erde aufzureißen, nur um der inneren Unruhe etwas entgegenzusetzen. Und macht trotzdem genau so weiter.
Am Ende deutet das Tier sich die Quelle des Geräuschs sogar zu einem riesigen, unbekannten Gegner um, der angeblich auf es zukommt, einkreist, näher kommt. Beweise dafür gibt es keine. Nur ein Zischen, das nie aufhört und nie näher kommt und das das Tier trotzdem nicht mehr loslässt.
Hypervigilanz, oder: Wenn das Hirn auf Dauerlauf gestellt wird
Es gibt einen Begriff dafür, was dem Tier passiert, und der heißt Hypervigilanz. Gemeint ist ein Zustand, in dem das Gehirn permanent nach Bedrohung scannt, bis es irgendwann an jeder Ecke welche findet, ob da nun was ist oder nicht. Jedes Geräusch wird zum potenziellen Alarm. Jede Abweichung von der Norm zum potenziellen Vorboten der Katastrophe.
Kafka beschreibt diesen Zustand mit einer Genauigkeit, die fast unangenehm wird, wenn man ihn selbst kennt. Das Tier merkt selbst, dass es übertreibt, weiß genau, dass es eigentlich nur Zeitaufschub sucht, wenn es ziellos durch seine Gänge irrt, und kann trotzdem nicht aufhören. Genau das macht den Text aus unserer Sicht so brauchbar für die Gegenwart. Es ist eine Parabel über ein Wesen, das sich selbst ständig neue Risiken einbaut, während es versucht, genau diese Risiken zu verhindern.
Die Kontrollillusion und die Prepper-Frage
Menschen, die sich unsicher fühlen, machen Regeln. Rituale. Pläne für den Notfall. Das ist erstmal überhaupt nicht verrückt. Ein Wasservorrat für zwei Wochen ist vernünftig. Ein Fluchtweg im Kopf ist vernünftig.
Die spannende Frage ist nicht, ob Vorsorge Sinn macht. Die spannende Frage ist, wann aus Vorsorge eine Lebensform wird. Das Tier macht diesen Übergang exemplarisch durch, wenn es nach dem Auftauchen des Geräuschs nicht mehr fragt, wie es sich am besten schützt, sondern beginnt, einen ganz neuen, gigantischen Verteidigungsplan zu entwerfen, der den ganzen Bau samt allen Lebensjahren umfassen soll, nur um ihn im nächsten Moment wieder zu verwerfen und stattdessen weiterzugraben, ziellos, nur um irgendwas zu tun.
Genau an diesem Punkt steckt Kafkas Tier fest. Es baut nicht mehr, weil es eine konkrete Gefahr abwehrt. Es baut, weil das Bauen selbst die einzige Tätigkeit ist, die für ein paar Minuten das Gefühl von Kontrolle herstellt. Bis zur nächsten Schwachstelle. Und der nächsten.
Ist die Gefahr da draußen oder im eigenen Kopf?
Kafka beantwortet diese Frage nie, und genau das macht den Text so unbequem. Die Erzählung bricht buchstäblich mitten im Satz ab, mit den Worten, dass alles blieb unverändert. Kein Feind taucht auf. Kein Beweis wird erbracht. Es bleibt komplett offen, ob da draußen wirklich was lauert, oder ob sich die Gefahr längst im Kopf des Tieres eingenistet hat und von dort aus regiert.
Wir glauben, dass genau diese Unentscheidbarkeit der Grund ist, warum der Text nicht verstaubt. Er stellt keine Diagnose über Corona-Leugner oder Prepper oder irgendeine andere Gruppe, die man bequem auf Abstand halten könnte. Er stellt eine Diagnose über das, was passiert, wenn Unsicherheit auf ein Gehirn trifft, das ständig nach Mustern sucht. Und das betrifft, ganz ehrlich, jeden im Saal. Auch uns auf der Bühne.
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