Thumbnail "Klasse. Quote. Femizid." mit Theaterensemble im Reality-TV-Look, Live-Voting-Grafik mit Marie und Woyzeck, Theaterstück WZCK nach Georg Büchners Woyzeck

Klasse, Quote, Femizid. Was Büchner mit Reality-TV zu tun hat

Nicht: Warum bringt Woyzeck Marie um. Falsche Frage, alte Leier, ab in die Tonne. Die richtige Frage lautet: Warum funktioniert Demütigung als Unterhaltung so verdammt zuverlässig, seit es Bühnen, Fernseher und Handykameras gibt? Genau diese Frage hat uns an Georg Büchners “Woyzeck” gepackt, und deshalb haben wir das Stück nicht als Eifersuchtsdrama auf der Bühne platziert, sondern als Reality Show mit einer glamourösen Gastgeberin, die das Elend von Franz und Marie ansagt wie die nächste Bachelor-Folge.

Sobald man diese Frage einmal gestellt hat, landet man sofort im Dschungelcamp, bei Big Brother, Love Island, Germany’s Next Topmodel und im täglichen Shitstorm-Karussell auf Social Media. Büchner schrieb sein Fragment in den 1830er Jahren, weit vor Internet und Fernsehen. Trotzdem fühlt sich die Mechanik völlig unverändert an.

Woyzeck als Objekt, nicht als Mensch

Was passiert mit einem Menschen, der permanent zum Objekt gemacht wird? Woyzeck wird in dem Stück ständig beobachtet, bewertet, vermessen und erniedrigt. Der Doktor benutzt ihn als Versuchskaninchen. Der Hauptmann macht sich über ihn lustig wie über ein Zirkustier mit Sprechfunktion. Von echter Kontrolle über sein eigenes Leben bleibt Woyzeck am Ende ungefähr so viel übrig wie Schnee in der Pfanne.

Genau diesen Kern wollten wir mit unserer Inszenierung freilegen. Deshalb haben wir eine Figur erfunden, die im Original schlicht nicht existiert: die Princess of Peas. Der Name ist ein kleines Wortspiel, die Figur selbst eine Frankenstein-Kreation aus den bekanntesten Gesichtern des deutschen Reality TVs. Sie moderiert das Elend von Woyzeck und Marie glamourös, zynisch, mit dem festen Blick darauf, dass das Publikum sich irgendwann selbst fragt, wie lange es eigentlich noch lacht. Und nebenbei macht diese Moderationsfigur noch etwas Größeres möglich: Alle Figuren dürfen plötzlich aus ihrer Rolle springen und ihr eigenes Verhalten direkt kommentieren, statt das ganze Elend nur stumm und ungebrochen runterzuspielen.

Hauptmann und Doktor interessieren sich für Woyzeck als Person ungefähr so sehr wie ein Algorithmus für deine Gefühle. Sie wollen seine Reaktionen, seine Demütigung. Der Doktor behandelt ihn wie ein Versuchsobjekt mit Pulsschlag. Der Hauptmann behandelt ihn wie eine Kuriosität zum Anstarren. Beide glotzen ihn pausenlos an, ohne ihn auch nur eine Sekunde wirklich zu sehen.

Was unterscheidet eigentlich die Frage des Doktors, mal sehen, was passiert, wenn man Woyzeck unter Druck setzt, von der Frage des Reality TV, mal sehen, was passiert, wenn man bestimmte Leute gemeinsam auf eine Insel setzt? Klar, ein literarisches Experiment aus dem 19. Jahrhundert ist formal etwas anderes als ein Fernsehformat aus dem 21. Aber die Logik darunter ist fast schon erschreckend identisch. Menschen werden beobachtet, bewertet und emotional in die Mangel genommen, weil genau das beim Publikum zündet.

Woyzeck ist damit so etwas wie der Ur-Kandidat des modernen Medienopfers, der Stammvater einer ganzen Generation von Leuten, die für Quote leiden. Überspitzt gesagt, wäre der arme Kerl heute Kandidat bei “Deutschland sucht den psychischen Zusammenbruch”.

Die Klassenfrage als Herzstück des Stücks

Hier liegt der eigentliche Nerv von Büchners Text, blank und freigelegt. Die Figuren mit echten Namen heißen Franz und Marie. Die Figuren, die über sie herrschen, tragen dagegen keinen Namen, sondern nur ihre Funktion. Doktor. Hauptmann. Diese Figuren stehen nicht für sich selbst, sondern für ein System, in dem Macht an der Position klebt und nicht am Menschen.

Woyzeck scheitert nicht, weil er böse oder verrückt ist. Er scheitert, weil Armut, Ausbeutung, Demütigung und Isolation sich zusammenschließen.

Die unangenehme Frage nach Marie

Und jetzt zur eigentlichen Bombe des Stücks. Warum reden fast alle über Woyzeck und kaum jemand über Marie?

Am Ende der Handlung wird Marie von ihrem Partner ermordet. Heute würden wir das Femizid nennen, eine Frau, die durch die Hand des eigenen Partners stirbt. Trotzdem fragt die Theatergeschichte seit Jahrzehnten gebetsmühlenartig, warum Woyzeck verrückt wurde, warum er krank wurde, warum er gedemütigt wurde. Die Frage, was das alles für Marie bedeutet und welche Handlungsmöglichkeiten ihr überhaupt blieben, fällt dabei meistens unter den Tisch wie die Krümel vom Festmahl der anderen.

Genau dieses Ungleichgewicht hat uns dazu gebracht, Marie ordentlich mehr Bühnenzeit zu geben, als Büchners Fragment ihr je zugestanden hat. Wir haben zusätzliche Szenen eingebaut, ein erstes Date von Franz und Marie und eine gemeinsame Tanzszene aus glücklicheren Zeiten, weil im Original ihre Motivation kaum vorkommt, sich über Körper und Sexualität so etwas wie ein anderes Leben zu erkämpfen. In der Tanzszene, die später zum Seitensprung mit dem Tambourmajor führt, wird sie von allen als attraktive Tänzerin bestaunt und im selben Atemzug auf genau diese Wirkung zusammengestutzt. Sie selbst spielt das Spiel mit, weil ihr Körper die einzige Währung ist, die sie überhaupt hat. Das macht sie zu einer Figur mit Ecken und Kanten, weit weg vom reinen Opferklischee.

Auch Marie gehört zur Unterschicht. Auch sie lebt in Armut. Auch sie wird ständig bewertet, nur nach anderen Spielregeln als Woyzeck. Während Woyzeck für seine Armut beschämt wird, wird Marie für ihre Sexualität an den Pranger gestellt. In unserer Bearbeitung wird genau das zum roten Faden. Sexualität wird hier zum Teppich, gewoben aus Klasse, Armut und Machtgefälle, ein Spiegel für Objektivierung und Ausbeutung in einem.

Und damit landen wir bei einer Frage, die bis heute brandaktuell ist. Warum wird bei Gewalt gegen Frauen so zuverlässig zuerst nach den Motiven des Täters gefragt, statt nach der Lebensrealität der Frau, die diese Gewalt nicht überlebt hat? Diese Schieflage taucht in Medienberichten bis heute auf wie ein hartnäckiger Fleck, der sich einfach nicht auswaschen lässt. Wie sehr uns diese Frage selbst umgetrieben hat, zeigt sich am deutlichsten in unserem Epilog. Maries Ermordung passiert bei uns abseits der Bühne, aber direkt danach geraten alle Figuren in eine Talkshow-Situation, in der die Princess of Peas in eine Rolle springt, die stark an bekannte deutsche Talkmaster erinnert. Die getötete Marie sitzt dort, Verwundungen inklusive, als Talkgast mit auf dem Sofa, während über generelle Fragen von Sicherheit und Moral schwadroniert wird und ihr eigenes Schicksal links liegen bleibt wie der Gast, den niemand ansprechen will. Erst als Marie sich selbst einmischt und schreiend auf ihre eigene Ermordung hinweist, kriegt sie endlich wieder eine Stimme. Genau deshalb hat Büchners über 180 Jahre altes Fragment heute einen Aktualitätswert, der fast schon unverschämt ist.

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