Thumbnail "Zu viel Auswahl? Swipe bis zum Overload" mit Hand am Smartphone in Dating-App-Optik, umgeben von Spielerporträts als Profilkarten, Theaterstück Swipe Me Right von Play B

Mehr Auswahl, weniger Liebe? Wischen bis zum Overload

Liebst du schon oder wischt du noch. Diese Frage steckt schon im Titel von Swipe! Me! Right!, und sie trifft etwas, das fast jeder kennt, der in den letzten Jahren mal wieder solo war. Bei diesem Stück mussten wir die Aktualität nicht erst erkennen wie bei Kafka oder Büchner. Sie steckte schon im Stoff, weil wir den Stoff direkt aus echten Dating-Geschichten unserer Beteiligten gebaut haben, nicht durch ein paar lockere Interviews, sondern mit gezielten theaterpädagogischen Methoden aus dem biografischen Theater. Manchmal war das ganz simpel, Stadt Land Fluss, nur mit Kategorien wie Red Flags und Green Flags statt Städten und Flüssen. Manchmal schrieb jemand in kurzer Zeit eine eigene Dating-Erfahrung herunter, und eine andere Person schrieb sie weiter, bevor eine dritte Person sie schließlich auf der Bühne spielte. So entstand eine doppelte Verfremdung, die trotzdem den Kern jeder Geschichte unangetastet ließ, weil die ursprünglich beitragende Person die ganze Zeit über mitreden und korrigieren konnte. Wichtig war dabei vor allem ein Safe Space, damit sich niemand bloßgestellt fühlt, während die eigene Geschichte plötzlich vor fremdem Publikum steht.

Die interessanteste Frage bei diesem Stück ist deshalb nicht, ob Dating-Apps gut oder schlecht sind. Sondern: Warum fühlen sich Menschen beim Dating heute oft einsamer, obwohl sie mehr Auswahl haben als jemals zuvor?

Das Versprechen und das Paradox

Dating-Apps versprechen mehr Auswahl, mehr Freiheit und mehr passende Partner. In der Praxis kippt das schnell ins Gegenteil. Je mehr potenzielle Partner man sieht, desto eher fühlt man sich überfordert statt befreit.

Genau dieses Kippen haben wir auf der Bühne erlebbar gemacht, am deutlichsten in der Szene, in der die WG-Truppe unsere Hauptfigur durch den Dschungel aus Tinder, Bumble, OkCupid, Grindr und Blindmate führt. Jede App wird von einer eigenen Figur lautstark verteidigt, alle gleichzeitig, alle überzeugt, die beste zu kennen, bis die Hauptfigur am Ende nur noch resigniert feststellt, sie glaube zu wissen, welche sie ausprobiert. Mehr Auswahl, mehr Stimmen, mehr Chaos. Genau dieses Gefühl wollten wir spürbar machen, nicht erklären.

Das Tinder-Paradox: Wenn die nächste Person immer noch besser passen könnte

Früher lautete das Problem: Wo finde ich überhaupt jemanden? Heute lautet das Problem oft: Woher weiß ich, dass die nächste Person nicht noch besser passt? Diese Logik erzeugt eine Vergleichsschleife, die niemals aufhört, weil es theoretisch immer noch ein Profil mehr gibt.

Diese Schleife taucht in unserem Stück nicht nur als Idee auf, sondern als Sprache selbst. Im Gedicht gegen Ende der Performance beschreibt eine Stimme das Wischen als Suche an einer Fleischtheke voller Hochglanz und Versprechen, bei der am Ende doch alles ausverkauft ist. Eine andere Stimme hält fest, dass weder ein Traum die Reize formt noch ein Lächeln den Schmerz betäubt. Man sucht immer weiter, weil irgendwas einem ständig einredet, dass da draußen noch etwas Besseres wartet, und merkt dabei kaum, wie leer einen genau das macht.

Wenn Ablehnen zur Gewohnheit wird

Wer lange genug wischt, rutscht irgendwann in einen Modus, in dem Ablehnen leichter fällt als Zulassen. Dating wird zu einer Art Casting. Genau diese Casting-Metapher zieht sich durch unsere ganze Inszenierung.

In der Szene, in der das Dating-Profil unserer Hauptfigur erstellt wird, zeigt sich das besonders deutlich. Ihre Freunde durchforsten die Fotos nicht danach, was authentisch ist, sondern danach, welches Bild am besten verkauft. Ein Foto wird verworfen, weil sie darauf aussehe, als wäre sie nur zum Kochen und Putzen da. Ein anderes wird genommen, weil eine bestimmte Körperpartie darauf gut zur Geltung kommt. Am Ende steht ein Profil, das weniger eine Person abbildet als ein durchoptimiertes Produkt, fertig für den Markt.

Liebe als Casting Show

Viele Dating-Apps funktionieren ähnlich wie Reality-TV. Menschen präsentieren sich, Menschen werden bewertet, Menschen werden aussortiert. Das Profil wird wichtiger als die Person. Die Inszenierung wichtiger als die Begegnung.

Unser Stück macht diese Logik an mehreren Stellen sichtbar, ohne sie von oben herab zu kommentieren. In der Szene mit den projizierten Dating-Profilen geben die Spielerinnen und Spieler reihenweise positive und negative Kommentare ab, fast wie eine Jury bei einer Casting-Show. Und in einer der eingebauten echten Geschichten erzählt eine Figur von einem Date, bei dem das Gegenüber ununterbrochen über die eigene Karriere und den eigenen Optimierungsplan spricht, ohne eine einzige Gegenfrage zu stellen. Am Ende fragt das Publikum gemeinsam mit der Hauptfigur, wie man dieses Date wohl einstufen würde, und die ganze Bühne wiederholt im Chor: keine einzige Frage. Ein Mensch, so sehr mit der eigenen Präsentation beschäftigt, dass für echtes Interesse am Gegenüber kein Platz mehr bleibt.

Was das mit einem macht

Wer sich dauernd zur Bewertung anbietet, merkt irgendwann, dass das nicht spurlos bleibt. Wir wollten nicht behaupten, dass Dating-Apps automatisch krank machen. Aber sie schaffen einen Raum, in dem man ständig bewertet wird, auch wenn man eigentlich nur jemanden kennenlernen wollte, und das hinterlässt Spuren.

Die im Stück verarbeiteten echten Dating-Erfahrungen erzählen genau das, oft sehr direkt, ohne sich selbst zu schonen. Manche Geschichten handeln von Verspätungen, Missverständnissen und kleinen Pannen, die im Rückblick komisch wirken. Andere erzählen von emotionaler Kälte, von Gegenübers, die nie wirklich zuhören, oder von Antworten, die einfach im Nichts verschwinden. Wieder andere gehen deutlich weiter und berichten von Ausnutzung, von Grenzüberschreitungen oder von Momenten echter Unsicherheit. Eine der bewegendsten Geschichten beginnt komisch und endet als stiller Nachruf an einen engen Freund, der das Erlebte miterlebt hat und Jahre später viel zu jung gestorben ist. So unterschiedlich diese Erfahrungen auch sind, sie teilen eines: Wer sich ständig zur Bewertung anbietet, riskiert dabei mehr als nur ein verlorenes Match.

Bei all diesen Geschichten war es uns wichtig, den Beitragenden selbst weitgehend die Kontrolle zu lassen. Regie und Theaterpädagogik haben inhaltlich kaum eingegriffen, sondern höchstens dabei geholfen, eine Geschichte erzählerisch so zu schärfen, dass sie auf der Bühne funktioniert, ohne ihren eigentlichen Kern zu verändern.

Die große Frage

Vielleicht geht es in Swipe! Me! Right! gar nicht in erster Linie um Dating. Sondern um eine viel größere Frage: Wie viel von uns selbst verwandeln wir in ein Produkt, damit andere uns mögen?

Unser Stück gibt darauf bewusst keine fertige Antwort. Stattdessen lässt es am Ende die vierte Wand komplett fallen. In der letzten Szene werden echte Interviews mit den Beteiligten gezeigt, die Handys, die während der ganzen Performance als Requisiten dienten, werden abgeschaltet und in die Mitte der Bühne gelegt, und alle singen gemeinsam einen Song über die Suche nach jemandem zum Lieben. Nach zwei Stunden Wischen, Bewerten und Aussortieren bleibt am Ende genau das übrig, wonach eigentlich die ganze Zeit gesucht wurde, jemand zum Lieben, ganz ohne App.

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