Illustration zum Blogartikel über Werner Schwabs Theaterstück Die Präsidentinnen

Was steckt wirklich in Werner Schwabs Präsidentinnen?

Drei Pensionistinnen, eine Wohnküche voller religiösem Kitsch, ein Fernseher, der den Papst zeigt. Klingt nach gemütlichem Kaffeekränzchen. Ist aber eine Bombe.

Werner Schwabs Die Präsidentinnen wurde 1990 in Wien uraufgeführt und schnell als Fäkaliendrama abgestempelt, weil eine der drei Damen mit bloßer Hand in verstopfte Toiletten greift und das auch noch fromm findet. Wer dabei stehen bleibt, hat die halbe Miete bezahlt und die bessere Hälfte des Stücks im Klo runtergespült. Unter dem Schmutz liegt nämlich ein Land, das mit sich selbst überhaupt nicht im Reinen ist.

Drei Frauen mit Größenwahn im Kleinformat

Erna, Grete und Mariedl sitzen in einer vollgeräumten Wohnküche und reden sich ihre Welt schön. Erna spart sich das Leben vom Mund ab und predigt das wie ein Evangelium. Grete hat ihren Hund Lydia zur neuen Lebenspartnerin gemacht, seit der Mann sie für eine Achtzehnjährige verlassen, und die Tochter im Ehebett “bestraft” hat. Mariedl liebt verstopfte Aborte und sagt selbst über ihre Arbeit, weich sei es und warm, wenn es frisch ist. Mehr Pointe braucht so ein Satz nicht und das Mariedl keine Handschuhe.

Schwab selbst hat seine Figuren einmal auf den Punkt gebracht: Leute, die glauben, alles zu wissen und über alle bestimmen zu können. Größenwahn im Hauskittel. Das ist die erste Ebene, auf der man das Stück lesen kann, ein Frontalangriff auf Kleinbürgertum, Frömmelei und die kleinen Selbstlügen, mit denen man sich durchs Leben mogelt.

Aber da ist noch eine andere Ebene.

Der Wottila und sein Leberkäs

In Ernas Erzählungen taucht immer wieder ein Mann namens Wottila auf, ein Fleischhauer, bei dem Erna ihren Leberkäs kauft, weil er dort im Dauersonderangebot ist. Erna schwärmt regelrecht, geboren in Polen sei er, gläubig, anständig, ein Mann mit einer Marienerscheinung im Wald und einem Gelübde wegen des Leberkäspreises. Sie nennt ihn liebevoll den Wottila Karli.

Karl Wottila. Karol Wojtyła. Papst Johannes Paul II, getarnt als Fleischhauer mit Dauertiefpreis. Für das Publikum von 1990 ein Treffer mitten ins Schwarze, und kein harmloser. 1987 hatte der echte Papst Kurt Waldheim trotz internationaler Proteste in Audienz empfangen, ein Jahr nach dessen Wahl zum österreichischen Bundespräsidenten und mitten in der Debatte um dessen Wehrmachtsvergangenheit. Viele lasen diesen Besuch als stille Absolution.

Schwab macht aus dem Papst einen Fleischer, der billiges Schweinefleisch unter die Leute bringt, und aus der katholischen Kirche eine Art Stammkundschaft, die nicht so genau hinschaut, woher das Fleisch eigentlich kommt. Religionssatire, klar. Aber eben auch ein Tritt gegen die politische Verdrängung und die Kunst, sich selbst freizusprechen, bevor überhaupt eine Frage gestellt wurde.

Niiiie war jemand ein Nazi

Der politische Sprengsatz im Stück zündet endgültig, wenn Erna im Streit herausbrüllt, in Wirklichkeit sei niemand ein Nazi gewesen in diesem Land, höchstens eine Handvoll, das sei alles Hitler gewesen, der schlechte, verführerische Mensch. Sie fügt noch hinzu, so ähnlich habe das sogar der Herr Bundespräsident gesagt.

Das ist kein Zufallssatz. Das Stück entstand 1989, direkt aus dem Klima der Waldheim Affäre heraus. Kurt Waldheim war 1986 Bundespräsident geworden, seine Zeit als Wehrmachtsoffizier hatte er in seinen eigenen Lebensläufen großzügig ausgelassen. Die folgende Debatte zwang Österreich dazu, über die eigene Mitwirkung am Nationalsozialismus zu sprechen, und mit ihr bekam der alte Opfermythos, das Land sei selbst nur Opfer Hitlers gewesen, die ersten tiefen Risse.

Schwab lässt seine Erna genau diesen Mythos nachplappern, mit Fleischwurst in der einen und Rosenkranz in der anderen Hand. Sind wir wirklich nur Opfer gewesen? Oder wollten wir das nur immer schon gewesen sein? Die Frage hängt über jeder Leberkässemmel in diesem Stück.

Drei Frauen, ein Land im Hauskittel

Man kann die drei Präsidentinnen auch als Österreich im Kleinformat lesen, jede für ein Stück derselben Seele.

Erna ist Ordnung, Sparsamkeit und Autoritätsgläubigkeit in Person, mit einer Pelzhaube vom Müll als Krönung. Sie klammert sich an Regeln, weil Regeln nicht widersprechen können.

Grete träumt sich in romantische Erlösung und in die Vergangenheit als Erinnerung, weil die Gegenwart sie längst enttäuscht hat.

Mariedl sagt aus, was die anderen lieber schlucken, und wird dabei zunehmend zur Witzfigur und zum Monster gleichzeitig. Sie ist das Verdrängte mit den Armen bis zur Achsel im verstopften Abort.

Warum heißen drei machtlose Frauen Präsidentinnen

Das ist die eigentliche Pointe des Titels, und sie löst sich nicht einfach von selbst auf. Erna, Grete und Mariedl haben exakt null Macht. Eine Mindestpension, eine vollgeräumte Wohnküche, kein Einfluss auf irgendetwas jenseits der eigenen vier Wände. Und trotzdem herrschen sie über ihr kleines Reich wie drei Despotinnen mit Dauerwelle.

Eine naheliegende Lesart: Schwab macht sich über die österreichische Selbstinszenierung lustig, über ein Land, das sich moralisch ganz oben verortet, während es die eigenen Leichen im Keller mit Klopapier zudeckt. Drei Präsidentinnen ohne Staat, ohne Macht, aber mit der felsenfesten Überzeugung, im Recht zu sein. Klingt das nach jemandem, den man kennt?

Eine Sprache, die sich selbst erfinden muss

Schwab hat über sein eigenes Stück gesagt, die Sprache, die die Präsidentinnen erzeugen, seien sie selber, und sich selbst zu erzeugen sei Arbeit, darum sei alles an sich Widerstand. Genau das spürt man in jeder Zeile. Erna und Grete und Mariedl kämpfen sich mit Sätzen über Leberkäs, Verstopfung und Marienerscheinungen zu sich selbst durch, während draußen ein ganzes Land mit genau demselben Kampf beschäftigt ist und genauso oft daran scheitert.

Wer Die Präsidentinnen nur als schräge Komödie über drei kuriose alte Damen sieht, hat eine Schicht erwischt. Wer den Fernseher im Hintergrund nicht überhört, den braunen Gestank wahrnimmt, sieht alle drei. Und schmeckt vermutlich auch den Leberkäs ein bisschen anders.

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