Case closed? Warum wir einen Fall von 1955 auf die Bühne bringen.
Jedes Jahr im Januar mache ich etwas, nicht Vorsätze verwerfen, sondern: Ich sortiere Tote. Genauer gesagt ihre Texte, denn zum 1. Januar wird gemeinfrei, was Menschen hinterlassen haben, die vor 70 Jahren gestorben sind. Ich gehe diese Listen durch, auf der Suche nach Stoff für die nächste Produktion. Für eine freie Bühne ist das ungefähr, was für andere der Black Friday ist. (Save the date: 2027 wird Brecht gemeinfrei. Ich sage eine Brecht-Inszenierung pro Kommune voraus.)
Anfang 2026 dann der Plot Twist. Auf der Liste stand Ruth Ellis, und die war weder Autorin noch Dichterin noch Dramatikerin. Sie war Hostess in einem Londoner Nachtclub, 28 Jahre alt, als sie am 13. Juli 1955 im Frauengefängnis Holloway gehängt wurde. Gemeinfrei geworden sind ihre Dokumente und ihre selbstgeschriebenen Briefe. Siebzig Jahre lang hatten vor allem die Zeitungen über sie geredet. Jetzt durfte sie selbst.
Die Kurzfassung passt in einen Satz: Ostersonntag 1955 erschießt Ruth Ellis vor einem Pub in Hampstead ihren Geliebten David Blakely und gesteht so, dass ihr kein Entkommen vom Strick bleibt. Case closed, könnte man denken. Dann liest man weiter. Gewalt, die sie erlitten hat. Gewalt, die sie ausgeübt hat. Alkohol, Rotlicht, Abhängigkeit, Kontrolle. Jedes Dokument kippt das Bild, und das nächste kippt es zurück. Für ein Theaterstück ist es ein Geschenk.
Opfer? Täterin? Ja.
Toxische Beziehungen, schwierige Familienverhältnisse, Menschen, die gleichzeitig verletzt werden und verletzen. Die saubere Trennung von Täter und Opfer, von Schuld und Unschuld, gibt es vor allem dann, wenn der betrachtete Ausschnitt möglichst klein ist.
Dazu kommen Fragen, die weit über Ruth hinausgehen. Was macht häusliche Gewalt mit einem Menschen, und wie viel individuelle Verantwortung lässt ein Trauma übrig? Was hat diese Frau eigentlich angetrieben, in einer Gesellschaft mit dem Frauen- und Familienbild der 50er Jahre? Juristisch war die Lage dagegen übersichtlich. Das englische Recht kannte damals keine Abstufungen beim Mord und keine mildernden Umstände. Mord war Mord, und Mord hieß Strick. Gestritten wurde über die Todesstrafe in Großbritannien ohnehin schon, wegen anderer umstrittener Fälle. Und mittendrin tauchen noch schillernde Figuren auf, Albert Pierrepoint zum Beispiel, der Henker. Oder Leute, deren Skandale ein Jahrzehnt später Minister ihre Ämter kosteten. Die haben mich allerdings nicht interessiert.
Die weitere Recherche förderte Originaldokumente aus dem National Archive zutage, aber auch reihenweise TV-Dokus, ältere und ganz neue Miniserien, True-Crime-Podcasts, Bücher und einen Kinofilm. Neu auf der Liste, selbstverständlich: ein Musical. Die Qualität schwankt gewaltig, von detailliert und sachlich über fast schon verschwörungstheoretische Einlassungen bis zu Hollywood-Gangsterkitsch. Wir arbeiten deshalb mit belegten Fakten und Zitaten. Künstlerische Freiheit nehmen wir uns nur in der Inszenierung, und die erfindet nichts Elementares dazu. Sie nutzt Figuren und Dramaturgie, um die tatsächlichen Vorgänge, Gedanken und Wahrnehmungen nach vorn zu holen.
Platinblond!
Die Presse hat sich an Ruth Ellis abgearbeitet wie an kaum einer anderen: die kühle Blondine, der Todesengel, das gefallene Mädchen. Und immer wieder die Haare.
Wasserstoffblond war in den 50ern ein Code mit zwei Bedeutungen. Auf der einen Seite Marilyn Monroe und Jayne Mansfield, Hollywood, Glamour. Auf der anderen das „leichte Mädchen“. Dazwischen lag ein Versprechen, nämlich Aufstieg. Für Frauen, denen Beruf und Gesellschaft kaum Wege nach oben ließen, wurde Aussehen zur Währung. Optik, Erotik, die richtige Wirkung auf die richtigen Männer, entweder beruflich als Hostess oder über den Umweg Ehe.
Im Stück zieht sich das durch. Die Schlagzeilen sind präsent. Die Wärterin redet Ruth immer wieder ins Gewissen, sie solle sich nicht so darstellen, weil genau das in der Öffentlichkeit gegen sie laufe. Ruth bleibt dabei. Und beim Wasserstoffperoxid.
Ruth gesteht, und verrät noch mehr
Wie verhindert man, dass eine Figur wie Ruth Ellis auf der Bühne zur Heiligen oder zur Hexe wird? Bei uns mit Sprüngen. Man erlebt Ruth zuerst als Hostess im Little Club, ganz in ihrem Element. Dann Vernehmung, Zelle und wieder Little Club, wo sie der Wärterin ihre Version ihres Lebens erzählt und gleich live vorspielt.
Mal klingt es nach Rechtfertigung, mal nach einer Frau in einer ausweglosen Lage. Es wird klar, dass auch sie alles andere als einwandfrei war, gewalttätig, psychisch angeschlagen, mit übermäßigem Alkoholkonsum und regelmäßig unter Beruhigungsmitteln. Da ist die kühle Blonde, die eine Mauer um sich baut. Da ist die Hostess, die ihre Macht über Männer genießt und ihre Karriere fest im Blick hat, eine Karriere, in der sie strukturell längst Opfer ist, als Prostituierte, als Aktmodell. Und da ist eine Frau, deren eigenes Verhalten mal erschreckend naiv, mal berechnend, aber eben auch toxisch ist wie das ihrer Liebhaber und ihres Ehemanns.
Und die Männer? Die spiele ich. Viele Männer, wenig Text. David Blakely taucht nicht auf, und das ist Absicht. Genau diesen Männern wollten wir keinen Raum geben. Im Mittelpunkt stehen Ruth und die Wahrnehmung von ihr.
Ruth wird verhört, untersucht, steht vor Gericht. Kühl, abwehrend, eine Mauer. Das Publikum beobachtet still. Die Theaterbar wird zum Little Club, und das Publikum wird zu seinen Gästen. Dem Geschehen in der Zelle sieht das Publikum von außen zu. Beobachter, Gast, Voyeur, und jeder Raum soll etwas anderes auslösen. Macht drei Rollen pro Zuschauer, ganz ohne Textlernen.
Gnade mit Verspätung
Am 8. Juli 2026, wir stecken mitten in der Produktion, wird Ruth Ellis begnadigt. König Charles III. hat auf Rat der britischen Regierung ihr Todesurteil posthum in lebenslange Haft umgewandelt. Eine bedingte Begnadigung, ausdrücklich mit Verweis auf häusliche Gewalt und Zwangskontrolle, die die Justiz damals nicht gesehen hat. Der Schuldspruch bleibt.

Ist das eine halbe Rehabilitierung? Ruth Ellis war eine Mörderin, sie war schuldig. Was es damals nicht gab, waren mildernde Umstände. Dann kam der Herbst. In Tennessee scheiterte am 30. September die Hinrichtung von Christa Pike. Sie überlebte zwei Dosen der Giftinjektion und wurde ins Krankenhaus gebracht. Pike wäre die erste Frau seit fast 200 Jahren gewesen, die Tennessee hinrichtet. Henker Pierrepoint ist davon abgekommen. Nach Hunderten Hinrichtungen hat er rückblickend erklärt, dass die Todesstrafe aus seiner Sicht nicht abschreckt. Pete Hegseth sieht das anders. Der US-Kriegsminister will die Erschießung des Fort-Hood-Attentäters Nidal Hasan am 3. Dezember per Livestream öffentlich übertragen lassen. Die Menschen sollten verstehen, so seine Begründung, dass solche Taten ernste Konsequenzen haben. Gemeint ist Abschreckung, also genau das Argument, an das der erfahrenste Henker Großbritanniens am Ende selbst nicht mehr geglaubt hat.
Keine Flugblätter von der Bühne
Bezieht das Stück Position? Ja, durchaus und dieses mal vielleicht etwas mehr, als es für uns eigentlich zum Konzept gehört..
Agitation vermeiden wir dagegen. Von unserer Bühne fliegen keine Flugblätter. Man soll sehen, wo wir stehen, und das soll auch so bleiben. Was man davon hält, entscheidet das Publikum selbst.
Bleibt die Frage, warum uns eine Frau aus den 50ern heute so nahe kommt. Ich hätte gedacht, das Frauen- und Familienbild von damals sei überwunden. Ist es nicht. Rechtskonservative und rechtspopulistische Parteien fordern wieder ein Familienbild, das ziemlich direkt auf die 50er und die Jahre danach zurückgreift. Und die Manosphere trägt mit ihrer offenen Misogynie Haltungen in die Debatte zurück, die man eigentlich für erledigt hielt. Die 50er sind offenbar nicht vorbei. Sie haben jetzt nur einen Podcast.
Sonst noch Fragen?
Wir freuen uns immer, wenn Leute mit Fragen zu uns kommen. Ein paar davon beantworten wir gern. Am schönsten ist es aber, wenn sie trotzdem mit mehr Fragen nach Hause gehen, als sie mitgebracht haben. Bei Platinblond ist das ziemlich wahrscheinlich.
Infos zum Stück
Platinblond – Ruth Ellis: Schuldig genug zu sterben?
Samstag, 21. November 2026, 19:30 Uhr (Einlass 19:00 Uhr)
eunoia, Wallstraße 17, 45468 Mülheim an der Ruhr
Mit Nadine Kreischer (Ruth Ellis), Kirsten Rusche (Wärterin) und Ingo Broggiato (einige Männer). Text und Regie: Ingo Broggiato. Regieassistenz: Milena Maßloh
Tickets: Ein Ticket, drei Preise. 5 €, 10 € oder 15 € (jeweils zzgl. Gebühren). Warum wir das so machen
Hinweis: Gewalt, Thematisierung von Missbrauch, laute Geräusche, Inhalte sexueller Natur. Das Publikum wechselt die Räume und steht teilweise kurz. Der Ort ist nicht barrierefrei.
Weitere Termine gibt es 2027. Wir kündigen sie an, sobald der Spielplan fürs Frühjahr steht. Wer nichts verpassen will: Newsletter oder WhatsApp-Kanal abonnieren.
